RUHR.2010
Getanzte Gefühle in St. Reinoldi
PRODUKTION zu Bachs Musikstücken
Eine dunkle Cellomelodie
erklingt aus dem Lautsprecher.
Zu den Tönen bewegen
sich zwei Paare auf der Tanzfläche:
drei Frauen und ein Mann, in
immer neuen Konstellationen, in
wechselnder Kleidung, mal temperamentvoll,
mal in Zeitlupe, immer
hoch emotional. Das Lichtquadrat
in der dunklen Kirche beleuchtet
mal die ganze Fläche, mal nur einen
Teil davon.
Eigens für die St. Reinoldi-Kirche
hat Elio Gervasi zwei Stücke
choreographiert, die Anfang Juli
uraufgeführt wurden. „Licht und
Raum“ lautete das Thema des Kulturhauptstadtprojekts.
„Quinto-
Movimento“ nennt sich die Produktion
zu Bachs Musikstücken:
Angekündigt war sie als Choreographie
für fünf Tänzer und Tänzerinnen,
weil der Meister Gervasi
selbst mittanzen wollte. Er musste
jedoch aus gesundheitlichen Gründen
verzichten. Aneinandergereiht
wirkten die Szenen wie Strophen
eines Gedichts, die die Zuschauerinnen
und Zuschauer spürbar
genossen. Höhepunkt waren die
letzten Minuten vor der Pause, in
denen Leonie Wahl, Anna Hein,
Kenia Bernal Gonzalez und Salvatore
La Ferla Bachs Interpretation
von „Wachet auf, ruft uns die Stimme“
in spielerisch-anmutigen, fast
schon klassischen Tanz umsetzten.
Nach einer kurzen Umbaupause
erklang Ravels „Bolero“. Unsichtbar
blieben die beiden Tänzerinnen
und der Tänzer, nur als Schattenumriss
hinter dem Vorhang zu
sehen. Drei Lichtkegel schufen die
Inseln, in denen sich die Tänzer
synchron bewegten: mal in Überlebensgröße,
mal klein und schmal.
Dynamisch, immer atemberaubend
und überraschend nahm sich
der Tanz der drei aus. Wechselnder
Hutschmuck, der mal an Chaplin,
mal an ägyptische Prinzessinnen
erinnerte, sorgte im Publikum für
Heiterkeit. Gervasi, gebürtiger Italiener
und Wahl-Österreicher, hatte
im Bühnenbild von Ricardo Cosendey
Ravels Orchesterwerk phantasievoll
und expressiv in Szene
gesetzt. Das Publikum dankte mit
begeistertem Applaus.
aus UK Nr. 32