• Die öffentliche Bedeutung von Kirchenbauten

    für Kirche und Stadt

Ein Symposium im Rahmen des europäischen Kulturerbejahres 2018

27. Februar 2018

Kirchenbauten haben für Kirche und Stadt unterschiedliche Bedeutungen. Sie sind Zeugnisse des Glaubens, Zeichen der Transzendenz, Symbole für Gottes Gegenwart in der Welt. Sie haben eine besondere Bedeutung für die Institution Kirche und insbesondere für die Lebensgeschichte von Menschen. Sie sind zugleich öffentliche Identifikationspunkte für eine Stadt. Als denkmalgeschützte Kirchen sind sie Erinnerungsorte europäischer Kultur, Teil des europäischen Kulturerbes und auch heute Teil des gesellschaftlich-kulturellen Lebens in einer Stadt. Manche Kirchenbauten sind Landmarken, prägen die Stadtgestaltung und das Stadtbild.

Ob Kirchen nun tagsüber geöffnet oder meist geschlossen sind – sie verkörpern den christlichen Auftrag der Kommunikation des Evangeliums, der per se ein öffentlicher Auftrag ist. Kirchenbauten sind Teil der Stadtöffentlichkeit und haben als Denkmal auch noch eine besondere Bedeutung im öffentlichen Diskurs, da nach dem Denkmalschutzgesetz an „deren Erhaltung und Nutzung ein öffentliches Interesse besteht“.

Worin liegen in diesem öffentlichen Auftrag und dem öffentlichen Interesse die Herausforderungen für die Verantwortlichen in Kirche und Stadt in der Gegenwart – für Menschen, die sich mit Architektur, Stadtplanung und Denkmalpflege, aber auch mit der inhaltliche Profilierung der Arbeit in diesen Räumen beschäftigen? Diesen Herausforderungen und den damit verbundenen Fragen ist das Symposium am 27. Februar 2018 in der Reinoldikirche nachgegangen. Das Symposium war auch der Anlass,   sich bei Landeskirchenbaudirektor Reinhard Miermeister zu bedanken, der nach 31 Jahren in den Ruhestand gegangen ist.

Die folgenden Texte dokumentieren Ausschnitte aus den Reden der beteiligten Referentinnen und Referenten.

Michael Küstermann
Pfarrer an der Stadtkirche St. Reinoldi und Vorstandsvorsitzender der Stiftung Denkmalswerte Kirchen

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Begrüßung: Ludger Wilde, Beigeordneter der Stadt Dortmund für den Bereich Umwelt, Planen und Wohnen

Wandel und Veränderung prägen die Entwicklung jeder Stadt. Dortmund hat dies in den letzten zwei Jahrhunderten im besonderen Maße erlebt. Das Festhalten an Zeugnissen dieser Entwicklung macht aber die Kontinuität der Weiterentwicklungen besonders deutlich.

Baukultur ist ein öffentliches Interesse und je besser es gelingt, dies in der Gesellschaft zu verankern, je besser wird auch die Qualität des Städtebaus sein. Kirchen bilden in diesem Prozess eine Art Kulminationspunkt, da sie eine hohe Wertschätzung in der Gesellschaft genießen und zum anderen in ihrer baulichen Gestalt und der Stellung im städtebaulichen Zusammenhang eine Dominante bilden. Wir wissen nicht genau, was die Zukunft bringen wird, aber wir tun gut daran, die Zeugnisse unserer Geschichte zu erhalten und in zukünftige Planungen einzubeziehen.

In diesem Sinne einen herzlichen Dank an Herrn Miermeister, den Landeskirchenbaudirektor. Nach 31 Jahren gehen Sie in den verdienten Ruhestand. Ihnen ist es gelungen, die Zeugnisse der Geschichte zu bewahren. Ich danke Ihnen herzlich für Engagement für unsere Stadt. Für Ihren Ruhestand wünsche ich Ihnen viel Gesundheit, glückliche Stunden und Gottes Segen.

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Die Bedeutung von Kirchenbauten für den öffentlichen Raum

Statement: Prof. Oskar Spital-Frenking, Architekturbüro Spital-Frenking + Schwarz, Architekten und Stadtplaner BDA

Der Blick in die Vergangenheit hilft uns, unsere heutige Welt zu verstehen. Woher sie kommt, warum sie jetzt so ist wie sie ist, und wohin sie sich möglicherweise zu entwickeln vermag. Nichts beginnt bei null. Die europäische Stadtkultur basiert auf einer über tausende Jahre andauernden Entwicklung. Religion und Kirche spielen dabei eine wesentliche Rolle.  Das Bild der europäischen Städte wird über Jahrhunderte geprägt von Kirchengebäuden. Die Kirchtürme prägen die Stadtsilhouetten und die Kirchen stehen an den wichtigen städtischen Plätzen. Sie sind wesentliche Dominanten im öffentlichen Raum und der Kircheninnenraum kann als Teil des öffentlichen Lebens, als ein mit einer Raumhülle umschlossener öffentlicher Platz religiöser Prägung verstanden werden.

Inzwischen haben die Kirchen Konkurrenz bekommen. Sie sind immer noch wichtige Bezugspunkte im öffentlichen Raum und natürlich auch wichtige Erinnerungsträger für eine Stadtgesellschaft. Aber es gibt heute eine Vielzahl von anderen Gebäudetypologien, die sich höher und größer entwickeln und den Stadtraum zum Teil bereits stärker prägen. Kirche verliert an Bedeutung. Es ist nicht mehr selbstverständlich, dass die Menschen zur und in die Kirche kommen. Umso wichtiger ist es, dass sich die Kirche und mit ihr die Kirchengebäude zu den Menschen öffnen, Begegnungsräume anbieten und die Bereitschaft zur Kommunikation ausstrahlen. Platzbildungen an Gemeindehäusern und Kirchen, die sich zum öffentlichen Raum orientieren, Hemmschwellen aufheben oder vermeiden und ein Angebot der Teilnahme am Gemeindeleben bedeuten, können ein Schritt in diese Richtung sein. Kirchenbauten waren und sind wichtige Bestandteile der europäischen Baukultur. Diese Bedeutung sollen sie auch in der Zukunft weiter haben. Damit verbunden ist der Anspruch an eine hochwertige architektonische Gestaltung bei neuen Bauaufgaben. Die, jüngst mit einer Auszeichnung geadelte, Praxis der Durchführung von Architekturwettbewerben ist hierfür sicherlich der richtige Weg.

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Statement: Dr.-Ing. Barbara Seifen, LWL-Denkmalpflege, Landschafts- und Baukultur in Westfalen, Referatsleitung Praktische Denkmalpflege  

Die Umnutzung von Kirchen, Klöstern, Gemeindehäusern, Pfarrhäusern ist kein neues Thema. In Folge der Reformation im 16. Jahrhundert, im Zuge der Säkularisation von Kirchen und Klöstern nach 1803 änderten sich Nutzungen von kirchlichen Räumen mehrfach. In Anknüpfung an die baukulturelle, die kunsthistorische, soziale, künstlerische und auch im weiten Sinne spirituelle Qualität und Bedeutung der kirchlichen Räume in Dorf und Stadt können sinnvolle neue Nutzungen gefunden werden, wenn die ursprüngliche Nutzung entfällt.

Das braucht manchmal einen langen Atem, denn nicht sofort, wenn eine kirchliche Nutzung aufgegeben wird, liegt die Lösung für eine angemessene Umnutzung nahe. Wünschenswert ist, dass Zeit gegeben wird für die Klärung, für eine Phase des Leerstandes ohne Nutzung. Oftmals spielen aber finanzielle Fragen eine zentrale Rolle und drohen die Prozesse zu überlagern.

Was kosten der Erhalt, die Weiternutzung, die Umnutzung von Kirchen? Wer finanziert diese Sicherungen von Anlagen, die mehr dem Gemeinwohl und nicht dem Einzelinteresse dienen?  Ohne öffentliche Mittel wird es nicht gehen.

Das Land NRW hatte sich in den letzten Jahren aus der Mitfinanzierung von Denkmalpflegemaßnahmen deutlich zurückgezogen. Das soll nun durch die Bereitstellung von Denkmalfördermitteln in einem ersten Ansatz offensichtlich wieder korrigiert werden. Wo sind die Grenzen des Vertretbaren, welche Chancen und Potenziale liegen in der Umnutzung von Kirchen für die Gesellschaft? Was müssen/können wir aushalten an Veränderungen, an Verlusten bei kirchlichen Gebäuden? In einer Zeit, in der Individualität, Subjektivität, Einzelinteressen immer mehr in den Vordergrund treten, ist das Verantwortungsbewusstsein eines jeden für die Gemeinschaft besonders gefordert. Die Verantwortung liegt bei uns allen, nicht allein bei der Denkmalpflege, nicht allein bei den Gemeinden. Die besten und tragfähigen Lösungen entstehen, wenn zusammen daran gewirkt wird. Es ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, die Kirchen, die Räume der Kirchengemeinden zu erhalten und zu pflegen, zu nutzen für angemessene Zwecke, die möglichst auch weiterhin frei sind von rein wirtschaftlichen Überlegungen.

Wir sollen noch viel mehr miteinander reden, auch darüber streiten und Ergebnisse finden, die jeweils gut zu begründen und tragfähig sind.

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Dankesworte: Superintendent Ulf Schlüter zur Verabschiedung von Landeskirchenbaudirektor Reinhard Miermeister:

Sie haben Ihren Dienst als Leiter des Baudirektorats in einer Kirche getan, die sich programmatisch, theologisch, mitunter auch ideologisch und sowieso konfessorisch ausdrücklich als presbyterial-synodale Kirche versteht und verstehen will.  Was wohlverstanden und wenn's gut geht heißt: Alles baut sich von den Gemeinden her auf und wird in Parlamenten in einer Art geistlicher Demokratie gelenkt. Missverstanden, aber in der Praxis mitunter doch anzutreffen, heißt das hehre 'presbyterial-synodal' mitunter auch: Jeder macht, was er will. Und redet uns bloß nicht rein! Für den Leiter eines landeskirchlichen Baudirektorats macht das die Sache nicht immer leicht.  

In manchem Presbyterium und Kreissynodalvorstand haben Sie ganz sicher, lieber Herr Miermeister, immer wieder die erstaunliche Erfahrung gemacht, dass andere es besser wussten als Sie! Kirchmeister vom Fach dürften dabei noch die erträgliche Variante gewesen sein. Pfarrer als Universalgelehrte und Hobbyarchitekten vielleicht die putzige. In jedem Fall: Um kirchenaufsichtlich verlässlich zu vermitteln zwischen örtlichem Eigensinn, beharrlichen Denkmalbehörden, pragmatischen Technikern, geschäftstüchtigen Bauunternehmern und ästhetisch-architektonischer Expertise brauchte es in all den Jahren eines ganz sicher: ein hohes Maß an Geduld, Kommunikationsgeschick und Diplomatie, aber auch an Beharrlichkeit, klarer Linie, Entschiedenheit. Ich habe Sie immer so erlebt, dass Sie das alles miteinander zu kombinieren wussten und am Ende immer maßgeblich und überaus hilfreich beigetragen haben zum Gelingen Ihrer Projekte. Und dass das mitunter große waren, weiß jeder, der sich nur an dieser St. Reinoldi-Kirche umschaut. Im Namen des Ev. Kirchenkreises Dortmund und im Namen der Stiftung Denkmalswerte Kirchen sage ich Ihnen heute von Herzen unseren Dank dafür. Sie haben dazu beigetragen, dass auch heute die Reisenden rund um Dortmund - in Wickede, Asseln und Brackel, in Lütgendortmund, Marten und Dorstfeld, in Syburg, Wellinghofen und Hörde, in Lünen, Brechten und Eving – großartige Zeugen der Geschichte sehen. Und ins Staunen geraten über das, was das Abendland hervorzubringen wusste.

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Schlusswort: Reinhard Miermeister, Landeskirchenbaudirektor i. R. der Evangelischen Kirche von Westfalen

Potenzial Kirchengebäude

Während die Kirchen in ihrer institutionellen Gestalt vielfacher Kritik ausgesetzt sind, erfreuen sich die Kirchengebäude seitens der Bevölkerung einer hohen Akzeptanz. Selbst Personen, die aus der Kirche ausgetreten sind, halten ideell am Kirchengebäude fest und sind bereit, hierfür Opfer zu bringen. Ein Kirchengebäude - ob historisch oder modern - hat von vornherein vieles zu bieten: Es ist Quelle von Geschichte, Kunstgeschichte, gesellschaftlicher Identitätsbildung, ist Ort von Rückzug, Hoffnung, Erlebnis, Kommunikation und von Gottesdienst und Gebet.

Kirche hat eine sichtbare Gestalt. Immer sind Räume für die Arbeit notwendig. Menschen identifizieren sich mit ihren Kirchengebäuden in Stadt und Dorf unabhängig von konkreter persönlicher Nutzung. Dies ist ein signifikantes Zeichen für die gesamtgesellschaftliche Akzeptanz von Religion im öffentlichen Raum. Das erklärt den hohen Symbolwert von Kirchen.  Kirchen haben Teil an religiöser Kommunikation. Sie verkündigen ohne Worte sieben Tage die Woche und an Sonntagen predigen sie mit.  Kirchliche Gebäude, die evangelisches Profil und Identität ausstrahlen, sind öffentliche Orte der Begegnung mit Ausstrahlkraft und als solche nicht nur Imagefaktor. Mit ihrer jahrhundertealten gleichgebliebenen Nutzung stellen die historischen Kirchen scheinbar einen Anachronismus dar. Welche andere Gebäudegattung hat über so viele Jahrhunderte hinweg ihre Nutzung unverändert erhalten?

Kirchen akzentuieren städtebaulich in besonderer Weise den öffentlichen Raum und stehen für die Verortung des kollektiven Gedächtnisses einer Gesellschaft. Mit ihrer besonderen architektonisch-künstlerischen Gestaltung ermöglichen sie erst die Differenzierung und Identifizierung von Städten und Dörfern und sind dadurch Voraussetzung einer Identifikation für die Bewohner mit ihrem Stadtteil und Wohnumfeld. Der Begriff der Heimat ist nicht nur ideell zu verstehen, sondern macht sich konkret an Kirchengebäuden fest.

Veränderungsdruck

Architektur ist immer auch Ausdruck der Werte und Überzeugungen ihrer Zeit. So ist es nicht verwunderlich, dass gegenwärtig, wie schon in den letzten drei Jahrzehnten, unter den Bedingungen demografischer und finanzieller Veränderungen Kirchengemeinden ihre Kirchengebäude in frage stellen und daraus anspruchsvolle Bauaufgaben erwachsen.  In Kurzform lautet die Herausforderung: Viele Kirchen – zu wenig Ideen! Wichtig ist bei der Moderation der Prozesse, Zeit zu geben für Abschiednehmen von Vertrautem und gleichzeitig zu werben für neue Möglichkeiten von Gemeindearbeit und -aufbau (Referenzobjekte besichtigen und Nutzer nach Erfahrungen befragen).

Chancen der Erneuerung durch intelligenten Rück- und Umbau des Bestandes

Menschen interessieren sich wieder mehr für Kirche, wenn Kirchengemeinden durch Bauen Vitalität erkennen lassen und damit Erwartungen an die Zukunft zum Ausdruck gebracht werden. Resignierende Kirchengemeinden bauen nicht. Kirchengebäude wecken großes öffentliches Interesse durch ihre Baugeschichte und zeitgemäße architektonische und künstlerische Weiterentwicklung der Architektur. Damit verbunden Chance für neues Interesse an christlichen Inhalten.  Beim Kirchenbau ist nicht Repräsentation entscheidend, sondern an den Standorten erreichbar und präsent zu sein und die soziale Relevanz im Blick zu behalten. Interessanterweise wird regelmäßig nach Fertigstellung von Baumaßnahmen von größerem Zuspruch, dauerhaft vermehrtem Besuch und neuen Nutzungsideen berichtet, die vorher nicht im Blick waren. Die architektonische Qualität der Räume beeinflusst erheblich Erfolg oder Misserfolg sozialer Interaktion.

Es gibt keine Patentrezepte. Kirchenbau als Teil des Gemeindeaufbaus ist immer als Prozess zu verstehen. Eine Identifikation entsteht durch Nutzen. Vielfältige Nutzungen werden durch Antizipation von Optionen möglich: Vorträge, Lesungen, Konzerte, Vesper, Marktandachten usw. stärken die Akzeptanz.  Beeindruckend die Spendenbereitschaft, wenn für überzeugende Projekte Begeisterung geweckt wird und sich charismatische Persönlichkeiten der Sache annehmen.  Gilt für künstlerische Verglasungen, Glocken, Orgeln und einzelne Ausstattungsstücke.  Von herausragender Bedeutung ist das hohes Engagement der Ehrenamtlichen, bei der Erhaltung und dem Betrieb von Kirchen durch Fördervereine, Stiftungen usw.

Entscheidend ist das Erkennen der baukünstlerischen Kraft unserer Kirchen und der Notwendigkeit zeitgemäßer ästhetischer wie spiritueller Modernisierung. Dabei ist die Unterstützung der Bedürfnisse von Menschen auf der Suche nach Begegnung und Transzendenzerfahrung entscheidend.  

„Kirchen werden wirkungsvolle Zeichen der christlichen Religion bleiben, wenn Inhalte und Angebote stimmen“ (Th. Erne)