von Aschermittwoch bis Karfreitag
montags bis donnerstags

mit Wort und Klang

zwischen 17 und 18 Uhr
im Rhythmus der Glocken

im Blick: Das Hungertuch von Lilian Moreno Sánchez

 

Unsere Füße – gestellt ins W e i t e.
aus Psalm 31

die Würde der Menschen:

der aufrechte Gang
auf Füßen die tragen
und brechen
und heilen

Blumen
hast Du ausgestreut

unbeirrt
mit Narben
und auf Krücken

folgen wir
dieser goldenen Spur…

Ricarda Moufang

 

Sieben Wochen, sieben Bilder. Sieben Ausschnitte aus dem Hungertuch von MISEROR und BROT FÜR DIE WELT nehmen wir in den Blick. Gehen ihnen nach. Jede Woche ein Bildausschnitt. Bringen, was wir sehen, mit Geschichten in Verbindung. Und mit Worten und Erfahrungen aus Psalm 31. Es klingt etwas an… Passion und Passionen. Für uns und mit uns. Compassion: Mitleidenschaft und mit Leidenschaft.

Sieben Wochen Stille und Gebet in Passions- und Fastenzeiten. Sieben Wochen das Leben vertiefen. Sieben mal fünf Tage zum Ende der Offenen Kirche und zu Hause: Zeit zum Nach- und Vordenken. Raum zum Sinnen, Besinnen und Ersinnen. Zeit mit Rücksicht und Nachsehen. Unterwegs. Eine Reise nach innen und nach draußen, Jesus nach und vor uns.

Reminiszere – 3. Woche / 1.-5. März

Erinnere dich, DU, mit deiner Gnade
In deiner Hand sind meine Fristen ...
Psalm 31,16

 

Textilien erzählen Geschichten. Könnten die Laken, die L.M. Sánchez zur Leinwand gemacht hat, erzählen, es wären hunderte. Von Menschen und Maschinen, die sie herstellten, sie wuschen und bügelten. Von Ängsten und Hoffnungen, die Menschen auf und in diesen Betttüchern durchlebt und erlitten haben. Darauf gemalt ein Fuß, in all seinen Teilen nachgezeichnet. Nicht 26 Knochen und 33 Gelenke, sondern große und kleine Bögen und Linien. Geschwungen, dicht an dicht. Beschwert, leicht, verwickelt, im Fluss. Manche kräftig, andere hauchdünn - als hinge alles am seidenen Faden. Linien wie Fäden. Lebenslinien wie Lebensfäden. Dahinter, darunter, darüber – goldener Schimmer, der helle Grund. Der Himmel?„
Wer mit den Füßen auf der Erde steht, kann mit dem Scheitel den Himmel berühren“, schreibt der Schriftsteller Hans Kudszus.

Reminsizere – Gedenke, erinnere dich …: Wer mit den Augen den Linien folgt, denkt vielleicht: Lebensläufe, Lebenswege in den Blick genommen. Ausladende Bewegungen, enger Radius. Liniensalat – selten nur gerade. Denkt vielleicht an das Hin und Her und Auf und Ab des Lebens. Das sich entwickelt, verändert, verheddert, ins Straucheln bringt, abbricht, weiter geht. Worauf blicke ich zurück? Und wie stehe ich jetzt da? Gebeugt? Gebrochen? Aufrecht? Der Himmel im Blick? Manchmal liegt uns etwas im Magen. Manchmal fühlen wir Schmetterlinge im Bauch und haben Frühlingsluft in der Nase. Sind halsstarrig, arbeiten uns krumm, engagieren uns mit Herz und Hand. Werden von den Füßen geholt. Verzweifeln, vertrauen, wissen nicht weiter.

„Einem Menschen begegnen heißt, von einem Rätsel wachgehalten werden.“ Emmanuel Levinas

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Wenn Sie die täglichen Impulse der Woche oder mehr Infos zum Hungertuch zugeschickt bekommen möchten – per Mail oder per Post: Wenden Sie sich gerne an Pfarrerin Susanne Karmeier
karmeier(at)sanktreinoldi.de | Tel.: 0231. 91 25 337

Invocavit– 2. Woche / 22.-26. Februar

Ein Mensch ruft:
Abgeschnitten bin ich
Psalm 31,23

Ein Triptychon – drei Teile, die zusammengehören. Schwarz übermalt – das weiße Tuch. L. Moreno Sánchez nahm das Röntgenbild eines Fußes. Und zeichnete ihn auf. Knochen und Gelenke mehrfach gebrochen und verdreht. Ein Mensch verletzt. 2019 in Santiago de Chile niedergeschlagen durch Staatsgewalt. Beim Protest gegen Unrecht und Ungerechtigkeiten. Wundstelle Leben – sichtbar gemacht. Einer (steht) für alle, die gebrochen und zertreten werden, die unterzugehen drohen und versuchen zu widerstehen. Die Künstlerin malt ihr Bild mitten in der Pandemie. Ein Desaster, das die Situation der Ärmsten und der ohnehin Geschwächten verschärft.

Kräftige Linien, starker Zeichen-Kreide-Strich. Verschlungen, verheddert, verworren - schwarz. Erzählen von Schmerz, Chaos und Leiden. Sind es Schlingen oder Lebenslinien? Werden die eigenen Lebenslinien zu Schlingen? Wo bin ich verflochten in Unrecht? Erfahre selbst Leid? Unverletzlichkeit ist eine Lüge. Niemand entgeht der Wunde. Wir verletzen andere, werden selbst verletzt – am Körper, in der Seele. Röntgenbilder erlauben es, genau hinzuschauen. Nicht weg zu sehen. Eine Diagnose zu stellen. In den Blick nehmen, was ist. Wo schaue ich hin? Werde selbst gesehen? Lasse mich ansehen?

Estomihi – 1. Woche / 17.-19. Februar

Sei mir ein starker Gott -
DU, in Weltzeit

Psalm 31,3

Weiße Bettlaken – mit Blumen und ohne. Die Künstlerin Lilian Moreno Sánchez aus Chile hat sie zur Leinwand gemacht. Und malt darauf vom Leben mit Passion und Passionen. Die Betttücher waren in Gebrauch – in einem Krankenhaus und einem bayerischen Frauenkloster. Orte mit Krankheit und für Heilung an Leib und Seele. Menschen haben sich mit ihnen umhüllt. Haben darin geschlafen, gewacht, gelitten, gehofft, geseufzt und geträumt. Sind darin gestorben oder genesen, blieben versehrt oder wurden gesund, geheilt.

In helle Tücher werden wir gewickelt zu Beginn, nach dem ersten Atemzug. Ein weißes Tuch liegt bereit, wenn wir gestorben sind. Deckt einen Toten zu. Ein ganzes Leben. Und dazwischen tausend Tücher. Auf denen sich Leben entfaltet. Gewaschen, gebleicht, gestopft, zerschlissen, zerrissen, zusammengenäht. Weil sich das Leben eingeschrieben hat. Welche Spuren habe ich schon hinterlassen? Womit und wie bin ich unterwegs? Worauf gehe ich zu?

Weißer Grund. Weiter Raum. Ein weißes Tuch wie ein weißes Blatt, ein unbeschriebenes. Alles auf Anfang gesetzt. Was schreibe ich ein? Was lasse ich einschreiben?

Bilder des Hungertuchs: copyright © MISEREOR
Viele Anregungen, Impulse, Worte verdanken wir den Materialien von MISEREOR.
Ein Projekt von Pfarrerin Susanne Karmeier mit dem Abendgebetsteam an St. Reinoldi | Musiker:innen Manfred Grob, Martina Jasper u.a.